Zertifikate erklärt: Warum Zinsen nicht gleich Zinsen sind
Was sind Zertifikate? Am Beispiel eines typischen Express-Zertifikats auf den Euro Stoxx 50 erklären wir, wie sie funktionieren und welche Risiken und Kosten du kennen solltest.
Inhaltsverzeichnis
- Was sind Zertifikate?
- Ein Beispiel: Das Express-Zertifikat auf den Euro Stoxx 50
- Zins ist nicht gleich Zins
- Risiken und Nebenwirkungen
- 1. Das unausweichliche Risiko
- 2. Das Risiko einer Unterschreitung
- 3. Das Risiko einer frühzeitigen Zurückzahlung
- 4. Das Risiko eines vorzeitigen Verkaufs
- 5. Das Emittentenrisiko
- 6. Das Risiko einer vorzeitigen Kündigung
- 7. Kosten sind schwer einzuordnen
- Fazit: Zertifikate sorgfältig prüfen
Zertifikate gelten als komplexe Finanzprodukte. Nach der Finanzkrise 2008 standen die Wertpapiere stark in der Kritik, und trotzdem sind sie weit verbreitet: Laut dem Branchenverband BSW lag das Marktvolumen strukturierter Wertpapiere in Deutschland Ende Juni 2026 bei rund 108 Milliarden Euro, knapp ein Drittel der Anlageprodukte entfiel dabei auf Express-Zertifikate. In Verbrauchererhebungen der BaFin (Mai 2024 bis Februar 2025) verstanden rund 20 % der Menschen, die Express-Zertifikate gekauft hatten, nicht, wie das Produkt funktioniert. Was steckt dahinter? Wir nehmen Zertifikate in diesem Beitrag genau unter die Lupe und zeigen am Beispiel eines typischen Express-Zertifikats die Risiken auf.
Was sind Zertifikate?
Zunächst wäre die Frage zu klären, was Zertifikate überhaupt sind. Es handelt sich dabei um Wertpapiere, die von der Wertentwicklung eines bestimmten Basiswertes abhängen. Der Basiswert kann ganz unterschiedlich sein, zum Beispiel eine Aktie, ein Index, eine Anleihe, ein Rohstoff oder eine Währung. Rechtlich handelt es sich in der Regel um Schuldverschreibungen der ausgebenden Bank.
Bemerkenswert ist, dass Zertifikate die Wertentwicklung des zugrundeliegenden Instruments nicht 1 zu 1 widerspiegeln müssen. Mit verschiedenen Konstruktionen kann auch von einer Entwicklung in die andere Richtung profitiert werden. Wer zum Beispiel ein Reverse-Index-Zertifikat auf den DAX kauft, kann von einer negativen Wertentwicklung des Index profitieren.
Der Vorteil von Zertifikaten liegt also darin, dass eine Vielzahl von Anlagestrategien verfolgt werden kann. Mit diesem Finanzprodukt kann auf steigende, fallende oder seitwärts laufende Kurse vieler verschiedener Basiswerte gesetzt werden, und es lassen sich auch sehr komplizierte Strategien abbilden. Dem stehen erhebliche Nachteile gegenüber. Diese sind auf den ersten Blick oft nicht erkennbar, was besonders für Menschen, die sich noch nicht so lang mit Geldanlage beschäftigen, schwierig sein kann.
Ein Beispiel: Das Express-Zertifikat auf den Euro Stoxx 50
Um zu zeigen, was ein Zertifikat leistet (und was nicht), schauen wir uns ein Beispiel an: ein typisches Express-Zertifikat auf den Aktienindex Euro Stoxx 50. Die Zahlen sind frei gewählt und stehen nicht für ein bestimmtes Produkt.
Die Eckdaten lauten folgendermaßen: Bei einem Einsatz von 1.000 Euro beträgt die Zinszahlung 30 Euro pro Zahlungstermin. Die Zahlungstermine liegen in der Regel ein Jahr auseinander, rein rechnerisch ergeben sich daraus 3 % Zinsen im Jahr. Die Laufzeit beträgt höchstens vier Jahre, und es gibt eine Barriere bei 60 % des Startwerts des Index. Je nach Ausgestaltung werden die Zinsen fest gezahlt oder nur dann, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.
Zins ist nicht gleich Zins
Man kennt Zinsen von Anleihen, vom Sparbuch oder vom Festgeldkonto als verlässlich ausgezahltes Entgelt. Fühlt sich sicher an, muss es bei einem Zertifikat aber nicht sein.
Einige Zertifikate tragen das Wort „Zins“ im Namen. Das kann ein Gefühl von Sicherheit wecken. Ein Zertifikat mit Zinszahlung ist aber weder ein Sparbuch noch ein Festgeldkonto. Im Beispiel investiert man in die Wertentwicklung des Aktienindex Euro Stoxx 50. Die Rückzahlung der eingesetzten 1.000 Euro hängt von Bedingungen ab, eine Rückzahlung in voller Höhe ist nicht garantiert.
Risiken und Nebenwirkungen
Diese Risiken und Nachteile sollte man bei einem Express-Zertifikat kennen:
1. Das unausweichliche Risiko
Zunächst geht man das „gewohnte“ Risiko ein, das sich auf den zugrundeliegenden Basiswert bezieht. Entwickelt sich dieser in die entgegengesetzte Richtung, also in die, auf die nicht gesetzt wurde, kann man zumindest einen Teil des eingesetzten Kapitals verlieren, im ungünstigsten Fall das gesamte Kapital.
2. Das Risiko einer Unterschreitung
Bei vielen Express-Zertifikaten gibt es eine Barriere. Fällt der Euro Stoxx 50 unter dieses Niveau, bekommt man am Ende der Laufzeit nicht mehr den vollen Nennbetrag zurück: Die Rückzahlung richtet sich dann nach der Entwicklung des Index, oder man erhält statt Geld Wertpapiere. Das Verlustrisiko ähnelt dann dem eines reinen Aktienmarktinvestments. Ob die Barriere gehalten wird, hängt von der Marktentwicklung ab, und die lässt sich über Jahre nicht vorhersagen. Je nach Ausgestaltung kann außerdem die Zinszahlung an Bedingungen geknüpft sein und entfallen.
3. Das Risiko einer frühzeitigen Zurückzahlung
Bei Express-Zertifikaten wird das Zertifikat vorzeitig zurückgezahlt, wenn der Index an einem festgelegten Stichtag über einer bestimmten Schwelle liegt. Die Laufzeit endet dann automatisch. Wer gekauft hat, bekommt somit keine weiteren Zinszahlungen mehr, wie man es eigentlich erwartet hatte, und muss das Geld neu anlegen.
4. Das Risiko eines vorzeitigen Verkaufs
Was passiert eigentlich, wenn man früher an sein Geld heran muss als gedacht? Während der Laufzeit stellen in der Regel die ausgebende Bank oder ein beauftragter Market Maker die Kurse. Die Preise legen sie selbst fest, zwischen An- und Verkaufskurs liegt eine Spanne, und eine Pflicht, laufend Preise zu stellen, besteht aufsichtsrechtlich nicht. Bei einem Verkauf vor Laufzeitende kann der Erlös daher unter dem Kaufpreis liegen, oder ein Verkauf ist zeitweise nicht möglich.
5. Das Emittentenrisiko
Ein weiteres Risiko ist das sogenannte Emittentenrisiko. Zertifikate sind nicht durch die gesetzliche Einlagensicherung gedeckt. Wird die Emittentin, also die Bank, die das Zertifikat ausgibt, während der Laufzeit zahlungsunfähig, kann man das investierte Geld ganz oder teilweise verlieren. Das ist auch dann möglich, wenn sich der Euro Stoxx 50 gut entwickelt.
6. Das Risiko einer vorzeitigen Kündigung
Viele Zertifikate sehen vor, dass die ausgebende Stelle die Bedingungen anpassen oder das Zertifikat zu bestimmten Terminen oder bei besonderen Ereignissen kündigen darf, etwa bei Marktstörungen oder wenn sich der Basiswert ändert. Wer gekauft hat, hat darauf keinen Einfluss. Deshalb lohnt es sich, die Bedingungen vorab genau zu lesen.
7. Kosten sind schwer einzuordnen
Zertifikate enthalten Kosten, die nicht immer als eigene Gebühr sichtbar sind. Seit 2018 muss das Basisinformationsblatt (KID) die Gesamtkosten ausweisen, die BaFin weist dennoch darauf hin, dass Zertifikate im Vergleich zu klassischen Sparprodukten regelmäßig höhere Kosten haben. Hinter dem Zins steckt außerdem häufig der Verkauf von Optionen: Wer kauft, übernimmt wirtschaftlich das Risiko von Kursverlusten und erhält dafür den Zins. Welcher Teil der dabei erzielten Optionsprämie am Ende als Zins ankommt, ist aus den Produktunterlagen nicht ohne Weiteres erkennbar. Hinzu kommt häufig eine Vertriebsprovision.
Fazit: Zertifikate sorgfältig prüfen
Zertifikate bieten viele Möglichkeiten, sind aber komplexe Produkte mit Risiken, die man kennen sollte: Ein Verlust des eingesetzten Kapitals ist möglich, Zinszahlungen und Rückzahlung hängen von der Ausgestaltung ab, und die ausgebende Bank trägt ein Emittentenrisiko. Wer ein Zertifikat in Betracht zieht, sollte das Basisinformationsblatt und die Bedingungen genau lesen und nur in Produkte investieren, deren Funktionsweise man verstanden hat.
Wer nach einer einfach verständlichen Geldanlage mit breiter Streuung sucht, kann sich auch andere Möglichkeiten anschauen. Wie sogenannte Wertsicherungsstrategien funktionieren, erklären wir in einem eigenen Beitrag.
Geschrieben von Maria Bauer
Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlageberatung und keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten. Wertentwicklungen der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für die künftige Wertentwicklung.
